Antisemitismusbeauftragter im Gespräch mit Experten den Umgang mit Schmähdarstellungen an historischen Gebäuden

Konsens am Runden Tisch zu judenfeindlichen Darstellungen an öffentlichen historischen Gebäuden (Stichwort sog. „Judensau“) – nicht einfach entfernen, sondern historisch einordnen

Dr. Ludwig Spaenle, hat heute mit Experten an einem Runden Tisch einen sachgerechten Umgang mit antisemitischen Darstellungen an historischen Gebäuden in Bayern intensiv diskutiert. Dabei ergab sich ein breiter Konsens:

  1. Die antijüdische Darstellung soll aus dem baulichen Kontext nicht entfernt werden.
  2. Die judenfeindliche Darstellung, die Kritik auslöst, muss vor Ort als Objekt beschrieben werden. Dazu hat man sich auf folgende Elemente verständigt: A) Beschreibung des historischen Phänomens, B) Einzeldarstellung in ihrer individuellen Geschichte und C) deutliche Bewertung und Einordnung.
  3. Die judenfeindliche Darstellung muss am Bauobjekt deutlich kenntlich gemacht werden. Dazu dient kompakte Beschriftung an der Darstellung.
  4. Darüber hinaus sind weitere vertiefende Informationen im Internet zur Verfügung zu stellen. Diese können z. B. über einen QR-Code abgerufen werden.
  5. Ferner sollen Fremdenverkehrsämter und Tourismusstellen weitergehende Informationen, z. B. bei Stadt- oder Kirchenführungen, vermitteln.

 

Konsens beim Runden Tisch war auch: Vor Ort soll in jedem Fall ein Dialog zur konkreten Darstellung und ihrer Kommentierung geführt werden, bei dem Eigentümer, einschlägige Fachbehörden und die Israelitischen Kultusgemeinden einbezogen werden müssen.

Die Teilnehmer beschlossen, einen Facharbeitskreis einzurichten.

 

Dr. Spaenle wird das Thema auch in die Bund-Länder-Kommission der Antisemitismusbeauftragten einbringen.

„Ich bin froh, dass wir heute einen Grundkonsens im Umgang mit judenfeindlichen Darstellungen an profanen und kirchlichen historischen Bauwerken gefunden haben. Vor allem ist wichtig: Diese Darstellungen des Judenhasses dürfen nicht unkommentiert stehen bleiben“, so sein Fazit nach dem Gespräch.

 

Der Einladung von Dr. Spaenle zum Runden Tisch nachgekommen waren u. a.  der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, in seiner Funktion als Vorsitzender des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, Vertreter zahlreicher öffentlicher Einrichtungen, christlicher Kirchen und staatlicher Behörden.

 

Als Information: An zahlreichen historischen Kirchen und säkularen Bauwerken, z. B. dem Regensburger Dom, der Nürnberger Kirche St. Sebald und der Cadolzburg bei Fürth, finden sich Schmähplastiken wie die sog. „Judensau“, die z. B. Juden in Verbindung zu dem für sie unreinen Schwein gebracht und sie herabwürdigend diffamiert haben. Deutschlandweit sind es rund ähnliche 50 Darstellungen.

Auch andere Darstellungen etwa der „Synagoge“ im kirchlichen Kontext als Symbol für das Judentum sowie jüdische Grabsteine in christlichen Kirchen werfen Fragen auf und verlangen nach einer bewussteren Form des Umgangs damit.

08.12.2020Presse

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