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Schlamasseltov. Jüdisches Leben im Film

Einführung & Moderation: Christiane Schleindl
Zu Gast: Jeanine Meerapfel

„Wenn es Hitler nicht gegeben hätte, wäre ich ein deutschjüdisches Kind geworden, mehr deutsch als jüdisch, geboren in einem kleinen süddeutschen Dorf. Aber ich bin in Argentinien geboren, meine Muttersprache ist Spanisch. 1960 kam ich nach Deutschland.“
Dies ist Jeanine Meerapfels Ausgangssituation, von der aus sie ihre Suche nach möglichen Wurzeln ihrer eigenen jüdischen Identität beginnt, eine Suche, die immer wieder konfrontiert wird mit der deutschen Realität, die sie vorfindet. So spürt sie über subjektive und objektive Gegebenheiten hinaus der Frage nach, was es bedeutet, heute als Jude in Deutschland zu leben. Entgegen der oft gehörten Meinung, die Vergangenheit solle ruhen, sie sei bewältigt oder einfach vorbei, zeigt sie in ihrem Film eine andere Realität: Es gibt immer noch zu viele Verletzungen und Verletzte. Opfer, Täter und Zuschauer des Nationalsozialismus haben auch in den Kindern überlebt.

Mit der These „es gibt heutzutage wesentlich Schlimmeres, als Jude in Deutschland zu sein“, weist der Film über die unverarbeitete Vergangenheit hinaus auf die derzeitige Situation der meisten Ausländer hin. Er zeigt, dass Fremdenfeindlichkeit, Ausländerfeindlichkeit und Sündenbockmentalität vor dem Hintergrund der deutschen Vergangenheit eine andere Dimension haben als in anderen Ländern. Der Film gibt keine eindeutigen Antworten, er stellt eher offene Fragen.
Die zehnjährige Anna Levine geht durch diesen Film stellvertretend für die Naivität und das Unwissen vieler. Durch die Augen eines Kindes sehen gewohnte Dinge plötzlich anders aus, sie werden deutlicher. Jeanine Meerapfel befragt Menschen, die aus England, Frankreich, der Ukraine, Litauen, der Türkei gekommen sind, wie es ist, heute als Juden und Eingewanderte in Deutschland zu leben. Sie filmt die Orte, die ihnen wichtig sind – Hinterhofwohnungen, Küchen, Werkstätten – und die Feste, die sie feiern. Die Befragten geben Auskunft darüber, was Heimat und ihre jüdische Identität für sie bedeuten, wie sie Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit in einem Land erleben, das sich seiner Vergangenheit nicht stellt.
Entstanden ist das faszinierende Dokument einer Identitätssuche und ein Porträt der Berliner Stadtlandschaft der 1980er Jahre, dessen gesellschaftspolitische Analyse angesichts des heute erstarkenden Rechtsradikalismus auf beunruhigende Weise aktuell ist. Jeanine Meerapfel, Tochter deutsch-jüdischer Emigranten, die in Argentinien aufwuchs und zum Filmstudium nach Deutschland „zurückkehrte“, geht in ihrem Film auf Spurensuche nach ihren Wurzeln. Kann das Land ihrer Eltern auch ihr Land sein?

BRD 1981, 88 Min., FSK: ab 16, Regie: Jeanine Meerapfel

Eintritt: 7.- € / ermäßigt 4,50 €

 

Schlamasseltov. Jüdisches Leben im Film

Das Festival setzt sich auf verschiedenen Ebenen mit dem Heimatbegriff im Film auseinander. Anhand beispielhafter Filme werden unterschiedliche Facetten des Umgangs mit „Heimat“ präsentiert. Das kleine Filmfestival 2022 ersetzt das im Jahr 2021 pandemiebedingt ausgefallene Festival. Es steht unter dem Titel „Schlamasseltov. Jüdisches Leben im Film“ und ist ein Beitrag zum Abschluss des Jubiläumsjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“.
Die ausgewählten Filme und Dokumentationen beschränken sich auf die jüngere Vergangenheit mit Schwerpunkt Nürnberg und zeigen vielfältige jüdische Biografien und Lebensentwürfe. Dabei werden Fragen nach Heimat und Heimatverlust aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet und Fragen nach unterschiedlichen jüdischen Identitäten sowie dem Verhältnis von realer zu symbolischer Existenz gestellt. Darunter befindet sich die Dokumentation ARE YOU FROM NUREMBERG?, die erstmals in Nürnberg zu sehen sein wird. Eine Abteilung widmet sich der jugendlichen Perspektive auf das Thema, die besonders die Frage nach Selbst- und Fremdwahrnehmung behandelt. Das Festival soll zudem einen Beitrag leisten, immer wiederkehrende Klischees und Vorurteile zu dekonstruieren.