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Schlamasseltov. Jüdisches Leben im Film

Einführung: Dr. Eckart Dietzfelbinger
Moderation: Christiane Schleindl
Zu Gast: Walter Grzesiek

Im Mittelpunkt des Films steht die Lebensgeschichte von Ilse Fried und Kurt Aufochs. Beide gehörten der jüdischen Religionsgemeinschaft an. Sie lernten sich in Nürnberg kennen und heirateten dort 1931. Damals lebten etwa 8.000 Juden in Nürnberg – rund drei Prozent der Einwohner. Manche von ihnen waren aktive Mitglieder der jüdischen Gemeinde, anderen war die Religion weitgehend gleichgültig.
Entstanden war die neuzeitliche jüdische Gemeinde ab 1850, als sich erstmals seit dem Mittelalter Juden wieder in Nürnberg niederlassen durften. Mit dem Bau der Hauptsynagoge am Hans Sachs-Platz 1878, einer weiteren Synagoge in der Essenweinstraße sowie verschiedener Betsäle blühte das religiöse Leben auf. Juden wurden Teil der Stadtgesellschaft. Ihr Alltag unterschied sich meist nur wenig von dem anderer Nürnberger. Sie engagierten sich in Vereinen und Parteien, waren maßgeblich am Wirtschaftsboom der Jahrhundertwende beteiligt und glaubten, in Nürnberg eine Heimat gefunden zu haben. Dem setzten die nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen ab 1933 ein brutales Ende.
Als ihre beste Freundin „Bitte grüße mich nie mehr“ zu Ilse sagt, versteht die junge Nürnbergerin, dass die Ausgrenzung durch die Nazis keine vorübergehende Episode bleiben wird. Und auch Ehemann Kurt, Besitzer einer Wundertütenfabrik in Wöhrd, sieht ein, dass er künftig kaum mehr im offenen Cabrio durch die Straßen fahren wird. Das Ehepaar Aufochs kann 1939 noch nach Rhodesien fliehen und baut sich dort eine neue Existenz auf. Anfang der 1980er Jahre treiben der dortige Bürgerkrieg und das Heimweh nach Franken das Ehepaar zurück nach Nürnberg. Wenn die beiden vor der Kamera mal bitter, oft aber amüsiert und ironisch ihr Leben ausbreiten, wird der unglaubliche menschliche und kulturelle Verlust anschaulich, den die Vertreibung der Juden für Deutschland bedeutet.
Mit ihren Dokumentarfilmen, die auf einer tiefen humanistischen Werteorientierung gründen, gelang der Nürnberger Filmemacherin Ullabritt Horn eine Symbiose aus persönlicher Erzählung und spannender intellektueller Auseinandersetzung. Der weitgehende Verzicht auf Kommentare verleiht ihren Filmen große Authentizität. „Bitte grüße mich nie mehr“ ist dafür ein besonders eindrückliches Beispiel. Es geht um eine Liebesgeschichte, Ausgrenzung, Verfolgung, Raub, Antisemitismus, Rassismus, ein 40-jähriges Exil und die Rückkehr zum ursprünglichen Schauplatz Nürnberg – ein Spannungsbogen voller Dramatik.

Dr. Eckart Dietzfelbinger ist Politikwissenschaftler und Historiker. Der Autor zahlreicher Publikationen zum Thema Nationalsozialismus war lange Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter am Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg.
Walter Grzesiek ist Autor und Journalist. Der Nürnberg- Kenner machte Ullabritt Horn auf die Geschichte von Ilse und Kurt Aufochs aufmerksam.

D 1993, 90 Min., FSK: ab 0, Regie: Ullabritt Horn

Eintritt: 7.- € / ermäßigt 4,50 €

 

Schlamasseltov. Jüdisches Leben im Film

Das Festival setzt sich auf verschiedenen Ebenen mit dem Heimatbegriff im Film auseinander. Anhand beispielhafter Filme werden unterschiedliche Facetten des Umgangs mit „Heimat“ präsentiert. Das kleine Filmfestival 2022 ersetzt das im Jahr 2021 pandemiebedingt ausgefallene Festival. Es steht unter dem Titel „Schlamasseltov. Jüdisches Leben im Film“ und ist ein Beitrag zum Abschluss des Jubiläumsjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“.
Die ausgewählten Filme und Dokumentationen beschränken sich auf die jüngere Vergangenheit mit Schwerpunkt Nürnberg und zeigen vielfältige jüdische Biografien und Lebensentwürfe. Dabei werden Fragen nach Heimat und Heimatverlust aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet und Fragen nach unterschiedlichen jüdischen Identitäten sowie dem Verhältnis von realer zu symbolischer Existenz gestellt. Darunter befindet sich die Dokumentation ARE YOU FROM NUREMBERG?, die erstmals in Nürnberg zu sehen sein wird. Eine Abteilung widmet sich der jugendlichen Perspektive auf das Thema, die besonders die Frage nach Selbst- und Fremdwahrnehmung behandelt. Das Festival soll zudem einen Beitrag leisten, immer wiederkehrende Klischees und Vorurteile zu dekonstruieren.